ALEXANDER SCHOLL   Master of Mediation (MM) | Rechtsanwalt, Fachanwalt für Steuerrecht
Tel. +49 981 48 74 903 · Fax +49 981 48 74 904
 




Konflikte als Nullsummenspiele

Der Streit um die Orange
... Wären die beiden Schwestern auf die Idee gekommen, sich nach ihren jeweili-
gen wirklichen Interessen zu erkundigen, dann hätten sie herausgefunden, dass
die eine Schwester den Saft der Orange auspressen wollte und die andere aus-
schließlich die Schale benötigte, um einen Kuchen zu backen. Die richtige Lösung
wäre ganz einfach gewesen: Die eine bekommt die komplette Schale, die andere
das gesamte Fruchtfleisch.

Dieses Beispiel von Mary Parker Follett macht zwei sehr wichtige Aspekte der
Lösung von Konflikten deutlich:

1. Interessen statt Positionen
Es ist wichtig, sich nicht in erster Linie auf die geäußerte Position eines Kontrahen-
ten zu konzentrieren, sondern die dahinter liegenden Interessen zu erkunden.
Diese lassen sich u.U. auch auf eine ganz andere Weise befriedigen, als es sich
zunächst darstellt. Die Positionen der beiden Schwestern etwa zielten darauf ab,
die gesamte Orange zu bekommen. Ihre eigentlich zugrunde liegenden Interes-
sen aber ließen sich tatsächlich auch sehr viel intelligenter erfüllen.

2. Nullsummenspiele
Viele Menschen betrachten Konflikte grundsätzlich als sogenannte "Nullsummen-
spiele". Jeder Vorteil für den Kontrahenten bedeutet einen Nachteil für mich selbst
und umgekehrt. Die Gesamtsumme jeder Lösung beträgt immer Null. Jedes Stück
vom Kuchen, das der andere bekommt, schmälert den eigenen Anteil. Sein Gewinn
ist mein Verlust. Für manche Auseinandersetzungen mag das tatsächlich so sein.
Für viele andere Konflikte aber lassen sich durchaus kreativere, integrative Lösun-
gen finden. Das funktioniert aber nur, wenn die Beteiligten aktiv nach Vorteilen für
beide Seiten suchen! Durch das gründliche Aufdecken der Interessen lassen sich
oft Lösungsmöglichkeiten entwickeln, die den Kuchen insgesamt größer machen,
so dass für alle größere Stücke zur Verfügung stehen: so wie im Fall der intelligent
zu teilenden Orange.

 








Wir können auch anders...

Für beide Schwestern lohnt
sich die Offenlegung der
Gründe ihrer Auseinander-
setzung.

Statt Gewinner und Verlierer
zu erzeugen (eine von beiden
erhält die ganze Orange, die
andere geht leer aus) oder
einen Kompromiss zu suchen
(Teilung der Orange), können
beide einen maximalen Nutzen
erzielen (Fisher et al. 1993).

Dies wird als Win-Win-Lösung bezeichnet: Nichts anderes versucht die Mediation.




Mary Parker Follett (1868 -
1933) hat sich als Autorin
über Managementtheorien und politische Theorien einen Na-
men gemacht. Sie prägte Be-
griffe wie "conflict resolution"
und "leader-ship".

Roger Fisher, William L. Ury,
Bruce M. Patton "Das Harvard -
Konzept" — Der Klassiker der
Verhandlungstechnik.